Weder feste Möbel noch Gewissheiten

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Die Räuber - Badische Zeitung
Der vernichtende Brief für Karl Moor… Foto: Peter Heck

Fantastische Bilder untermalen tolle Schauspiel- und Regieleistung: Annette Müller und Schüler interpretieren „Die Räuber“.

Badische Zeitung vom 17. Juli 2010

OFFENBURG. Reden wir nicht über Kleinigkeiten. Diese „Räuber“-Inszenierung , die am Freitag Premiere hatte, ist eine toller Wurf, nah dran am Original, mit sinnvollen Modernisierungen, starken Bildern, bunt, beweglich, rüde, romantisch – und von einer so gnadenlosen Folgerichtigkeit, dass man als besorgter Zuschauer den jungen Leuten auf
der Bühne zurufen möchte: „Lasst doch den Blödsinn bleiben. Ihr rennt in euer Verderben.“

Aber man sitzt im Zuschauerstuhl und kann nur auf das unvermeidlich schlimme Ende warten. Und sich fragen: Muss diese Welt so grausam sein?

Gerechtigkeit – das ist das Schlüsselwort dieser Inszenierung. Alle Personen dieses Stücks erfahren Unrecht. Da ist Franz Moor, der ungeliebte Zweitgeborene, der von sich sagt, dass er lieber nicht auf die Welt gekommen wäre. Er intrigiert gegen den älteren Bruder Karl, der seinen Spaß gehabt hat, der soff, hurte, herumlungerte und der nun wieder heim will in den Schoß der Familie, zu seiner Freundin Amalie. Ob das der Rückzug ins bürgerliche Glück ist, diskutieren Regisseurin Annette Müller und ihre Schauspielertruppe von Astrid-Lindgren-, Erich-Kästner-Real- und Theodor-Heuss-Realschule – nicht. Franz vereitelt Karls Versöhnungspläne, stellt ihn als Verbrecher dar. Der alte Moor glaubt’s, wohl weil er schon immer mit dem rebellischen Kern in seinem Lieblingssohn haderte. Er enterbt Karl. Franz verfasst diese Mitteilung besonders brutal – und scheint am Ziel, während Karl eine Räuberbande gründet.

Dazu gibt es faszinierende Bilder. Etwa dieses stets changierende Bühnenbild aus Schauspielern in Rot mit roten Kapuzen. Sie bilden auf magische Weise Diwane und Throne, einen bizarren Wald oder ein Labyrinth, indem sie ihre Arme ins Endlose verlängern. Pantha rei – alles ist im Fluss in der Welt dieser Inszenierung. Es gibt weder feste Möbel noch Gewissheiten.

Eine nächtliche Begegnung im Wald findet bei völliger Dunkelheit statt

Annette Müller arbeitet heutige Medien ein: Der Brief, durch den Karl verstoßen wird, ist für alle sichtbar auf die Wand projiziert: Der Vorgang ist medial und öffentlich. Eine nächtliche Begegnung im Wald findet bei völliger Dunkelheit statt – als Hörspiel. Wenn die Räuber zu heftigen Rhythmen einen Breakdance zeigen, charakterisiert sie das als Jugendbande.

Karl wird zum Outlaw, um Robin-Hood-Ideale zu leben. Halten lassen sie sich nicht. Das wird spätestens klar, als sie 30 töten, um einen der ihren zu befreien. Ins Zentrum des Stücks stellt Müller diese Szene: Zu malmender Rockmusik prügeln und morden sich die Räuber durch die Welt. Ihnen steht eine Gruppe von Frauen gegenüber, die Anklage erheben gegen männlichen Machtwahn und Gewalt – zum verloren herumirrenden Ton einer Geige. Das ist plakativ, aber eben auch ein sehr persönliches Statement der jungen Darstellertruppe ihrer Weltsicht.

Die Darsteller sind nicht perfekt, und das sollte auch niemand erwarten. Fast alle stehen zum ersten Mal auf einer Bühne. Aber es gibt viele Momente, da ist man als Zuschauer von ihnen gefangen. Sie entwickeln Figuren, die faszinieren: Madlen Müller und Jeni Kurschildgen als Amalie zum Beispiel, sehr stark im Ausdruck. Raphael Litterst als der alte Moor – unglaublich! Konstantin Henßler und Arthur Schmid als Franz, dessen Verwandlung vom sich selbst bemitleidenden Zyniker zum alptraumgeplagten Nervenbündel ist toll. Karl – Mehmet Akol, Muhammet Güldüren, Luca Falk, Robin Hoffmann – ist zunächst der Sonnyboy. Alles ist locker und auf Verletzungen antwortet er mit Wut, Coolness oder beidem. Aber das taugt nicht zum Lebensentwurf. Franz, Karl und Amalie werden von mehreren Darstellern im Wechsel gespielt. Auch die Musik ist stimmig eingesetzt. Klassisch geht’s im Hause Moor zu. Harter Rock gilt für die Welt draußen, die der weniger Privilegierten.

Es gäbe noch viele Details zu würdigen. Was in diesem Projekt an Arbeit steckt, ist nur zu erahnen. Für das Ergebnis gibt es nur ein Wort: Bravo!

Es gäbe noch viele Details zu würdigen. Was in diesem Projekt an Arbeit steckt, ist nur zu erahnen. Für das Ergebnis gibt es nur ein Wort: Bravo!

Nächste Termine: Samstag, 17. Juli, 20 Uhr, und Sonntag, 18. Juli, 19 Uhr, Reithalle Offenburg. Eine Fotogalerie im Internet unter http://www.badische-zeitung.de

Autor: Robert Ullmann

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