Verbindung von großer Politik mit persönlichem Erleben

Annette Müllers „Story Offenburg“ wiedergesehen: Warum aber wirkt das Ganze auf dem Marktplatz so anders?.

OFFENBURG. Wenn man ein Stück im Abstand von einem Dreivierteljahr noch einmal sieht – ist es dann das gleiche Stück? Zwar wurde an der „Story Offenburg“ von Annette Müller und den rund 30 Mitwirkenden der Jungen Theaterakademie Offenburg weitergeschrieben – aktuelle Bezüge wie die Pulse of Europe-Demonstrationen und ein aufrüttelndes Statement zur Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei sind dazugekommen. Aber im Kern ist das in einem zur Bühne umgebauten Bauwagen spielende Episodenstück geblieben, was es war: ein ebenso persönliches wie eindringliches Statement zur Freiheit.

Warum aber wirkt das Ganze so anders? Der größte Unterschied ist wohl der Ort. Auf dem riesigen Marktplatz herrscht eine völlig andere Stimmung als in einem Innenhof oder auf dem Lindenplatz. Weniger intim, weniger beschützt – freier? offener? Die Kehrseite der Freiheit wird unmittelbar spürbar, auch durch die Zaungäste der Aufführung, die sich im Lippenlesen üben müssen, weil das zahlende und sitzende Publikum den Ton per Kopfhörer direkt auf die Ohren gespielt bekommt. Andererseits werden Passanten mit dem Projekt konfrontiert, die es noch nicht kannten, und – nicht der schlechteste Effekt, den Theater haben kann – nun zuweilen etwas irritiert verfolgen, dass eine Gruppe Frauen völlig ausflippt, um sich schlägt, trampelt, weil sie es nicht mehr aushalten, ständig von ihrer eigenen Mutter mit Ermahnungen und Erwartungen drangsaliert zu werden. In einer anderen Szene verkörpern die Schauspieler Hühner, die gackernd auf einem Hühnerhof herumscharren und erst allmählich merken, dass sie unfrei sind. Ein Hühnerhof als Abbild der Gesellschaft, das mag noch angehen. Massentierhaltung und Kükenschreddern, wie in einigen Einspielfilmen am Rand der Bühne gezeigt, sind unmenschlich, aber eben auch Realität. Der große Verdienst der Inszenierung ist die Verbindung von großer Politik mit persönlichem Erleben, von Heimatverbundenheit und Globalisierung, von Einzelschicksal und Weltgeschehen. Überzeugend gelingt das in den Theaterszenen, die satirischen Nachrichtenblöcke von „OG free TV“ bräuchte es nicht – auch wenn gerade hier eine der Keimzellen der Inszenierung, eine Umfrage unter 100 Offenburgern zum Thema Freiheit, Eingang gefunden hat. Eindringlicher wirken die persönlichen Schilderungen der Schauspieler, von Flucht und Unterdrückung, von Selbstbestimmung und Selbstfindung. Sehenswert.
Badische Zeitung 15.5.2017 Juliane Eiland-Jung

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