29 Szenen sind die „Story Offenburg“

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Nachrichten zum Thema Freiheit und ein Bauwagen als Bühne: Beim Freiheitsfest hat ein ungewöhnliches Theaterprojekt Premiere.

OFFENBURG. Was haben in der Freiheitsstadt Offenburg lebende Menschen heute zum Thema Freiheit zu sagen? Was für Gedanken haben sie dazu? Die Regisseurin Annette Müller hat dem nachgespürt. Sie hat zu Gesprächen eingeladen, Mitglieder ihres Ensembles haben Interviews geführt. Die Erzählungen und Aussagen wurden gesammelt, gesichtet, bearbeitet. Das Ergebnis wird als „Story Offenburg“ erstmals am Sonntag, 11. September, beim Offenburger Freiheitsfest zu erleben sein – jedoch nicht auf einer Theaterbühne, sondern in einem Bauwagen.

Ursprünglich war die Premiere für Mitte Juli geplant, musste jedoch aufgrund einer Verletzung von Annette Müller verschoben werden. Den Plan für dieses Projekt gibt es schon seit drei Jahren. Aber dann sei die Inszenierung des Opernprojekts „Das kalte Herz“ dazwischen gekommen, erzählt Annette Müller. „Eigentlich war das gut so“, sagt sie. Denn mittlerweile sei ihr klar geworden, dass „Story Offenburg“ nicht in die Reithalle passe.

„Man nimmt sich einen Kopfhörer, hört und schaut zu, solange man Lust hat.“Annette Müller, Regisseurin von „Story Offenburg“

Story Offenburg
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Fünf aus dem Kernteam von „Story Offenburg“: Barbara Höfler, Christian Kessler, Annette Müller, Leonard Küßner, Jonathan Rieder. Links oben im Bauwagen Jess Haberer Foto: Robert Ullmann

Den Bauwagen vermittelte Jess Haberer. Er stammt aus dem Fundus der Pfadfinderschaft vom Stamm Konradin, deren Vorsitzender Haberer ist. Philipp Stier, Geschäftsführer der Firma Asal, gab dem Bauwagen auf dem Asal-Betriebsgelände eine Heimat und somit zugleich dem „Story Offenburg“-Team eine Probe- und Arbeitsstätte.

Der Bauwagen ist auf einer Seite offen, bildet dort ein Schaufenster. Die Zuschauer sehen die Schauspieler sozusagen hinter Glas. Für das Publikum stehen 50 Kopfhörer zur Verfügung. Über die hört man eingespielte Texte, Live-Monologe und -Dialoge, Sound-Collagen, Musik, verfremdete Klangmuster. Für diesen Part sind Leonard Küßner, der die Theatermusik komponierte, und Christian Kessler zuständig. Kessler besorgt das „Sounddesign“, also die Klangverfremdungen und Elektronikparts. Dabei handelt es sich um Klänge aus Offenburg, die auf der Straße, auf dem Markt, in den Ortsteilen und anderswo aufgenommen wurden, vom Hühnergackern bis zum Verkehrslärm.

Im Bauwagen stellte das Kernteam aus fünf Personen für die BZ ein paar Kostproben vor. Die Texte – alles Originaltöne von Offenburgern, nur eben strukturiert, gerafft, gegeneinander geschnitten – kreisen um das Thema Freiheit: Konsum und Freiheit, Geld und Freiheit, Reisen und Freiheit und – sehr häufig, so Annette Müller – um Terror! Es sei zu spüren, wie da eine Leichtigkeit verloren ging. Auch Erzählungen von Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten, die in Offenburg Asyl suchen, seien dabei. Müller: „Das ist noch einmal eine ganz andere Nummer.“

Es wird 29 Szenen in zweieinhalb Stunden geben, die Vorstellung wird sozusagen sofort wiederholt – unterm Strich sind das fünf Stunden ungewöhnliches Theater zum Thema Freiheit in Offenburg heute. Es sei nicht so gedacht, dass man der Vorstellung von Anfang bis Ende beiwohnt, obwohl das möglich ist, sagt Annette Müller. „Die Zuschauer haben die Freiheit zu kommen und zu gehen. Man nimmt sich einen Kopfhörer, hört und schaut zu, solange man Lust hat.“ Man könne danach wiederkommen – oder auch nicht. Für Carmen Lötsch transportiert das Projekt das Thema „Freiheit“, das in Offenburg historisch in den 13 Forderungen von 1847 verortet ist, ins Heute: Was ist Freiheit heute für uns, was ist sie uns wert? Nicht zuletzt deshalb passe die Premiere von Story Offenburg ins Programm des Freiheitsfestes.

Weitere Vorstellungen sind von Freitag, 7. Oktober bis Sonntag 9. Oktober geplant. Dann wird der Bauwagen auf dem Lindenplatz stehen. Der Eintritt ist frei, aber es steht ein Spendenbox parat.
Rob Ullmann

HINTERGRUND: Info

Moderne Form des Volkstheaters

OFFENBURG. Ein Samstag im Theaterraum des Grimmelshausen-Gymnasiums: Annette Müller ist mit Regieassistentin Barbara Höfler, Schauspielerin Barbara Krehl und Helferin Gabi Pfeil im Theaterraum des Grimmelshausen-Gymnasiums anzutreffen. Bühnenbilder und Requisiten gilt es zu optimieren.

Müller freut sich über eine „total schöne, bunt durchmischte Gruppe“. Die Teilnehmer, zwischen 15 und 81 Jahre alt, würden nicht nur schauspielern, sondern auch bei zahlreichen anderen Tätigkeiten mithelfen, wie beispielsweise dem Streichen des Bauwagens oder dem Bau von Bühnenbildern. Manchmal würden da an die 15 Leute zusammenkommen. So arbeitet die Truppe unter anderem an einem Bühnenbild für Nachrichtenszenen. Für ein Foto, wird das rot angestrichene Bühnenbild in Sekundenschnelle aufgestellt. In Müllers Stück soll es drei Nachrichtenszenen geben. Für diese Szenen fertigten die Schauspieler Fragebögen für 100 Offenburger Bürger an. Die 20 Fragen reichten von Wahlfreiheit und bis zu einem plastikfreien Offenburg. Die Antworten boten den Stoff für die Nachrichtensendungen.

In dieser modernen Form des Volkstheaters würden „Leute authentisch aus ihrem Leben erzählen“. Besonders an dem Projekt ist natürlich die Bühne selbst: den umgebauten Bauwagen kann sich Müller in Zukunft sehr gut als Wanderbühne vorstellen.

  1. Kulissenbau für Nachrichtenszenen: Vorne Annette Müller (l.) und Barbara Krehl, hinten Barbara Höfler (l.) und Gabi Pfeil. Foto: Charles Thiebaud

    Badische Zeitung 27.8.2016  Charles Thiebaud

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