Wieviel Kultur braucht der Mensch?

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Das Foto zeigt eine Collage der Teilnehmenden

Der neunte KulturStammtisch am Donnerstag, 13. Januar 2022, wird ab 18 Uhr wieder als Live-Stream auf dem städtischen YouTube-Kanal übertragen. Live-Gäste im Stadtmuseum Tonofenfabrik sind herzlich willkommen.

Der KulturStammtisch widmet sich der Frage, wie viel Kultur der Mensch eigentlich braucht. Ist Kultur nur das Sahnehäubchen der Zivilgesellschaft, während andere Bereiche wie Medizin, Bildung und Lebensmittelhandel systemrelevant sind? Oder ist sie nicht vielmehr das Fundament und alles ist Kultur? Was macht Oper, Theater, Konzerte, Ausstellungen und andere künstlerische Live-Begegnungen unverzichtbar? Ist eine moderne, sich wandelnde, demokratische Gesellschaft ohne den Kulturweltspiegel vorstellbar? Oder ist Kultur nur dann relevant, wenn sie den vermeintlichen Elfenbeinturm verlässt und sich mit brandaktuellen Themen wie der Klimakrise befasst? Und wie kann man junge Menschen wieder mehr fürs Theater begeistern?

Die wird Kultur eigentlich definiert? Die wohl am weitesten gefasste Definition gibt beispielsweise der Schriftsteller Gerd Heidenreich: Demnach ist alles, was nicht Natur ist, als Kultur einzuordnen – auch Demokratie und Sittlichkeit. Die Wirtschaftsministerkonferenz stellte sich die Frage nach dem Kulturbegriff im Jahr 2009 und befand, dass der „verbindende Kern jeder kultur- und kreativwirtschaftlichen Aktivität der schöpferische Akt“ ist.

Zur Einordnung der Bedeutung von Kultur in Deutschland: Mehr Menschen gehen ins Theater als zu Spielen der Fußball-Bundesliga. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hatte 2018 mit 100 Milliarden Euro den zweitgrößten Umsatz nach der Autoindustrie. Bei den Arbeitsplätzen rangiert die Kultur mit 1,7 Millionen Arbeitsplätzen auf Platz 1.

Kulturausschuss-Mitglied Nicolaus Wilhelm, Mitglied des Vorstands und Pressewart der Lahrer Rockwerkstatt e.V., weiß aus eigener Erfahrung, wie viel ehrenamtliches Engagement und Arbeit hinter jedem Kulturereignis stecken und wie schwer die Lahrerinnen und Lahrer zu mobilisieren sind. Bands, die in Offenburg die Reithalle füllen oder beim Zeltmusikfestival in Freiburg für ausverkaufte Konzerte sorgen, ziehen in Lahr manchmal nur 40 Zuschauerinnen und Zuschauer an. Trotzdem ist Wilhelm fest überzeugt: „Das Miteinander und die gegenseitige Unterstützung, das alles ist gut für die Seele und befruchtet die Kreativität. Zu viel Kultur geht nicht.”

Egbert Tholl, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, sieht berufsbedingt regelmäßig sehr viele Aufführungen pro Monat und genießt diese. Durch die Pandemie sei ein gewisser Rückstau entstanden wegen nicht aufgeführter Produktionen, sodass er pro Monat rund 25 Produktionen gesehen hat, manchmal sogar zwei oder drei am Tag. Sein Credo: „Kultur macht gesellschaftliche und politische Zusammenhänge bewusst und außerdem macht sie Spaß.“

Rüdiger Bering, Chefdramaturg am Theater Freiburg, hat im Lockdown gemerkt, wie sehr ihm die geistige Anregung, die emotionale Stimulation und das Vergnügen durch Kultur gefehlt haben. Bering ist fest überzeugt, dass „Leute, die sich nicht für Kultur interessieren, frühzeitig abstumpfen und intellektuell verkümmern”. Kultur dürfe aber nie Pflichtprogramm sein. Wenn man beispielsweise ganze Schulklassen ins Theater bringe, müsse die Theateraufführung die Erwartungen auch einlösen und dürfe nicht langweilig sein. Das Stück „Die Seuche”, eine Neuinterpretation des Romans „Die Pest” von Albert Camus, das gerade am Theater Freiburg läuft, war beispielsweise mehrmals ausverkauft und hatte ein ungewöhnlich junges und gemischtes Publikum.

„Menschen brauchen Begegnungen und kulturelle Seelennahrung”, weiß Annette Müller, Theaterregisseurin und -pädagogin, Co-Leiterin der Jungen Theaterakademie Offenburg. „Die Pandemie hat uns einsamer gemacht.” Nach einer Phase des pandemischen „Kulturfastens” spürt sie wieder großen Hunger auf Kultur beim Publikum. Die Kultur müsse aber wegen der Kontaktbeschränkungen neue Wege gehen. Live-Streamings seien explodiert, könnten aber nur bedingt berühren im Vergleich zu Live-Events. Müllers mobiles und interaktives Hörtheater „Kilometer X”, das die Teilnehmenden an ungewöhnliche Orte führte, wurde hingegen 26 Mal aufgeführt, war jedes Mal ausverkauft und wird auf Tournee gehen.

Für den Wiener Robert Castellitz, Leiter des Veranstaltungsmanagements der Gasteig München GmbH, ist Kultur Austausch, Begegnung und Gefühl, auch eine Form der Bildung. In Kultur sieht er eine Chance für unterschiedlichste Menschen, sich zusammenzuschließen und Institutionen einzubinden. „Ein Theaterbesuch verändert die Gefühlswelt, erweitert sie und verändert den Menschen“, findet er. Wichtig sei „Kultur für jedermann”. 

Der KulturStammtisch wird einmal im Monat per Live-Stream aus dem Lahrer Stadtmuseum Tonofenfabrik übertragen. Online-Kommentare sind ausdrücklich erwünscht. Wer sich einbringen möchte, kann sich am Donnerstag, 13. Januar 2022, ab 18 Uhr auf dem städtischen YouTube-Kanal, Playlist Lahr Kultur, zuschalten.

Die Veranstaltung vom Kulturamt Lahr und dem Stadtmuseum Lahr ist eine Kooperation mit dem Förderverein Stadtmuseum Tonofenfabrik, der Lahrer Zeitung und dem Pächter des Biermichel, Tobias Venzke. Sie findet seit Mai 2021 an jedem ersten Donnerstag im Monat ab 18 Uhr statt. Mit der Aktion hat das Kulturamt den Prozess „Kulturkonzeption 2026“ gestartet, mit dem es auf die aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche und Entwicklungen eingehen möchte. Gemeinsam mit der Stadtgesellschaft sollen in einem mehrjährigen Austausch gesellschaftliche Entwicklungen und Trends identifiziert werden.
 

Internetzeitung Regiotrends 10. Januar 2022