Wenn der Weltschmerz zu groß wird

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My only friend, the end
Klangdesigner Christian Kessler und Regisseurin Annette Müller hören sich die neue Komposition Kesslers am Rechner an. Foto: Ulrich Marx

baden online vom 30. Januar 2015

Theaterstück über Lebensgefühle junger Menschen mit Musik von Christian Kessler

Die Junge Theaterakademie Offenburg präsentiert »My only friend, the end« von Martina Clavadetscher. Es geht um die Sehnsüchte Jugendlicher, ihre Suche nach Sinn und Orientierung. Die Musik stammt von Christian Kessler.

 

»My only friend, the end«. Da klingelt doch was. The Doors, Jim Morrison, 1967, The End. Natürlich. Dieses verwirrende Lied über das Ende – der Kindheit, der Jugend, des Lebens. In dem der Schmerz mehr wehtut als der Tod, in dem man machen kann, was man will – und keinen stört’s, nichts passiert. Aber hier geht es um ein Theaterstück – von Martina Clavadetscher, uraufgeführt in Luzern im März 2014. Regie – Grafik – Rhythmus – Klangdesign. Klangdesign? Was ist das denn? Nannte man das sonst nicht immer schlicht und einfach »Musik«?

In dem Theaterstück »My only friend, the end«, das die Junge Theaterakademie Offenburg jetzt unter der Regie von Annette Müller aufführt, spielen die Klänge tatsächlich eine große Rolle. Regisseurin Müller und Komponist – Pardon Klangdesigner Christian Kessler – sind gerne bereit zu erklären.

Aber erst mal gibt es eine Diskussion um Morrisons »The End« von 1967, um das, was in dem Lied mitschwingt und was nach Müllers Meinung auch heute noch viele Jugendliche bewege: dass eben alles möglich ist, ohne dass es Grenzen gibt, dass sich die Jugendlichen in dieser Grenzenlosigkeit verlieren und »sich nicht mehr zurechtfinden«. Die Sinnfrage des Lebens heißt nicht mehr, wo gehe ich hin, sondern was will ich noch? Statt materiellen Mangels emotionaler Mangel, Fremdbestimmtheit statt Selbstbestimmung, und trotzdem der Wunsch nach Orientierung.

Das finde sich auch in dem Stück der Schweizer Autorin, habe aber mit dem Lied Morrisons nichts zu tun. Clavadetschers Ansatzpunkt waren die vielen Schienentoten in der Schweiz. Mit einem Stipendium ausgestattet, recherchierte sie, sprach mit Hinterbliebenen und Freunden der Toten. Sie traf auf Sehnsucht nach Abenteuer, Risiko, Kick – und der Furcht vor dem Abschied von der Jugend.

Clavadetscher stellt die Frage, was, wenn die Sehnsucht unstillbar bleibt? Wenn der Weltschmerz überhand nimmt? Die Autorin fand heraus, dass jährlich rund 150 Menschen auf dem Schweizer Schienennetz sterben, bei Jugendlichen sei diese Form des Selbstmordes am verbreitetsten. Wer trägt die Schuld?, fragt sie.

Annette Müller stieß mehr zufällig auf das Stück. Sechs Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren spielen mit, manche sind Novizinnen, manche erfahrener. Für Müller ist das Theaterspiel wie Therapie. »Ich fordere viel«, sagt sie, aber die Mädchen akzeptierten das. »Sie spürten sich dann und wollen etwas leisten.« Vor allem auf anderer als nur der kognitiven Ebene. »Sie wollen Verantwortung übernehmen und lernen durchzuhalten.« Das sei ganz wichtig. »Sie haben mir gesagt, sie fühlten sich komplett befreit nach den Proben.« Aber, fragt sie, wann kann man schon mal richtig losschreien? Seinen Frust, seine Wut und alle negativen Gefühle zum Ausdruck bringen?

Theaterspiel, hat Kessler gelernt, ist »Face-to-Face-Kommunikation im Extremen. Da muss man mit Blicken, Gesten und Gebärden seine Stimmung deutlich machen«. In seinem Fall bedeutete das, diese Gefühle, Blicke, Gesten mit und durch seine Musik zu verstärken, zu unterstützen.

Müller habe ihm die Situationen, Szenen und Gefühle beschrieben, für die er sein Klangdesign entwickeln solle. Es war seine erste Auftragsarbeit, sagt er. So wurde für Kessler das Projekt ebenfalls ein »lehrreicher Prozess«. Ursprünglich sei man von »The End« ausgegangen, habe aber auch andere Musiken ausgewählt, die die Stimmungslage des Stückes spiegelten. So habe er sich eingehört – und dann losgelegt. »Easy Zusammenarbeit«, sagt Müller. Es sei trotzdem anfangs etwas schwierig gewesen, »auf den Punkt« zu schreiben, sagt Kessler.

Inzwischen ist aus dem »Klangdesign« echte Komponierarbeit geworden, 19 verschiedene Tracks hat er in seinem Rechner, »drei bis vier komplette Stücke. Durchaus von ›The End‹ inspiriert«, sagt Kessler, »aber es sind eigenständige Stücke und Sequenzen. Sie dienen dem Stück, verstärken, sind Klammern«, betont er.

Sein Rechner funktioniert ähnlich wie die alten Bandmaschinen. Die einzelnen Tonspuren liegen sichtbar übereinander. Die Klänge sind teils als Samples hinterlegt, es gibt virtuelle Instrumente, aber auch Melodien, die Kessler selber eingespielt und über die Programme bearbeitet oder verfremdet hat. Er kann Töne wie aus einem Automaten klingen lassen oder ihnen einen »humanen Touch« geben.

Die Jugendlichen reagierten mit Begeisterung, sagt Müller. Man könne sich gar keine andere Musik zu dem Stück mehr vorstellen, Stück und Melodien seinen regelrecht verschmolzen. Und zu dem Stück? »Die Autorin hat recht«, sagen die Jugendlichen, »es ist alles so wahr.«

»My only friend, the end«, Theaterstück von Martina Clavadetscher, Premiere: Dienstag, 3. Februar, 20 Uhr, im Offenburger Salmen; weitere Aufführungen: 4. Februar, 3. und 4. März, 28. und 29. April, jeweils 20 Uhr im Salmen. Karten: Bürgerbüro Offenburg, • 0781/822800, www.kulturbuero.offenburg.de, Geschäftsstellen der Mittelbadischen Presse, • 0800/911811711
(gebührenfrei).

Autor:
Jutta Hagedorn

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