Pädagogisch wertvolle „Räuber“

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Die Räuber - Badische Zeitung
Foto: Ralf Burgmaier

Annette Müller erarbeitet mit rund 100 Schülerinnen und Schüler sowie einem großen Unterstützerkreis Schillers Theaterschocker

Badische Zeitung vom 5. November 2009

OFFENBURG. „Eine Schaubühne ist eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit.“ Diesen Satz formulierte Friedrich Schiller 1784, zwei Jahre nach der Uraufführung seines Jugendwerks „Die Räuber“. Theatermacherin Annette Müller hat Schiller beim Wort genommen und startet gemeinsam mit rund 100 Haupt- und Realschülern und einem großen Unterstützerkreis das Theaterprojekt „Die Räuber“.

Nach dem überwältigenden Erfolg der Aufführung von „Romeo und Julia“ im Jahr 2007, als Annette Müller mit Hauptschülern der Eichendorff-Schule Shakes-peares Theaterklassiker in fulminanter Bearbeitung auf die Reithallen-Bühne brachte, hat sich einiges getan. Das Schulamt und die Stadt als Schulträgerin waren dermaßen vom persönlichkeitsbildenden Effekt des Theaters für die Schüler begeistert, dass sie der Theaterpädagogin eine halbe Lehrerinnenstelle verschafften. Seither wandert Annette Müller mit Theaterprojekten in Offenburg von Schule zu Schule. Doch mit den „Räubern“ soll jetzt wieder Großes geschaffen werden. Gestern gab ein großer Unterstützerkreis den offiziellen Startschuss für das Projekt.

Walter Glunk von der Musikschule benannte die Sponsoren: das Schulamt, das Annette Müller bezahlt, die St.-Andreas-Stiftung, die 10 000 Euro und der Jugendfonds Ortenau, der 3200 Euro zuschießt, sowie das E-Werk Mittelbaden, das sich mit einem größeren Betrag, den Pressesprecher Jan Rieken allerdings nicht an die große Glocke gehängt wissen will, an dem 25 000-Euro-Etat beteiligt. Sponsoren sind auch die beteiligten Erich-Kästner- und Theodor-Heuss-Realschule sowie die Astrid-Lindgren-Schule, die je drei Deputatsstunden pro Woche zur Verfügung stellen. Nicht zuletzt unterstützen die Kulturstiftung Offenburg und der Fachbereich Kultur der Stadt das Projekt, dessen Leiter, Simon Moser, von den vielschichtig persönlichkeitsbildenden Effekten des Theaterspiels schwärmt: „Um bis zu 1,5-Noten haben einige Teiln ehmer des Romeo-und-Julia-Projekts ihren Notendurchschnitt gesteigert“, so Moser.

Petra Lütte von der Musikschule hebt die besondere Eignung von Schillers „Räubern“ für Jugendliche hervor. Wegen ihrer schroffen Theatersprache, die selbst heute noch zu schockieren vermag, sei das Stück, das der Sturm-und-Drang-Epoche zugerechnet wird, für den jugendlichen Ausdruckswillen besonders geeignet. „Es geht um Entscheidungen fürs Leben“, so Lütte. „Je mehr sich der Antiheld Karl Moor sich in den Gewalthintergrund hineinbegibt, desto mehr beschränkt er seine Handlungsfreiheit.“

Die Hauptrollen werden in einem Casting unter Achtklässlern ermittelt

Die drei beteiligten Schulen übernehmen die Besetzungen verschiedener Gruppen im Schauspiel. Die Lindgren-Schüler stellen die Räuber, die Kästner-Schüler die Familie Moor und die Heuss-Schüler sind für das getanzte (!) Bühnenbild zuständig (Choreographie: Sabine Noll). Die Musikschule wird die Live-Musik zum Schauspiel beisteuern. Die komplexe Koordination der verschiedenen Werkbeiträge übernimmt Elena Becker von der Musikschule. Für die crossmediale Aufbereitung der Inszenierung zeichnet Ronald Linder von der Hochschule verantwortlich, der ein Schülerteam anleiten wird.

Die Hauptrollen teilen sich je ein Schüler und eine Schülerin einer der beteiligten Schulen. Ermittelt werden diese in einem Casting, das Anfang Dezember stattfindet. Sind die Rollen besetzt, wird zwischen Schülern, Eltern, Schule und Regisseurin ein förmlicher Vertrag geschlossen über die Verpflichtung bis zur Premiere am 16. Juli 2010 am Ball zu bleiben. Heuss-Rektor Wolfgang Bahr, der selbst zehn Jahre eine Theater-AG geleitet hat, schwärmt von den außerordentlichen Entwicklungsmöglichkeiten, die so eine Erfahrung für ein späteres Bewerbungsgespräch oder das Sprechen vor einer Versammlung bietet: „Das ist unbezahlbar.“

von: Ralf Burgmaier

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