Aus Zufall wurde echte Berufung

Offenblatt 12.11.2015

OFFENBURGER GESICHTER: Theaterfrau Annette Müller hat sich über die Stadt hinaus einen Namen gemacht

In loser Folge stellen wir Menschen vor, die einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.

Theaterpädagogin Annette Müller (52) hat in den vergangenen Jahren viel Anerkennung für ihre Arbeit erhalten. Die Liste der Preise und

Zuhause in der Welt des Theaters: Annette Müller.

Auszeichnungen ist lang. Eine Auswahl: Im Jahr 2012 erhielt sie für das Stück „Elsa – ich darf nicht sprechen“ den Deutschen Amateurtheaterpreis, im Folgejahr wurden ihr und dem Theater im Gewölbe für „Elsa“ der Preis des „Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt“ zugesprochen. Ebenfalls 2013 wurde das Stück „Kauf dich glücklich“ mit dem Landesamateurtheaterpreis ausgezeichnet. „Das ging dann Schlag auf Schlag“, blickt die in Münster geborene Grund- und Hauptschullehrin zurück auf ihre Erfolge im Theater.

Dabei ist sie eher zufällig zum Theater gekommen. Anfang dieses Jahrhunderts, die drei Kinder waren noch klein, half ein Au-pair-Mädchen aus. Die junge Frau habe sich fürs Theater interessiert, und weil sie das Mädchen nicht allein zum Theater im Gewölbe gehen lassen wollte, war sie mit von der Partie. Da sei dann gleich die Anfrage gekommen, ob sie nicht mitspielen wolle. „Und da hat sich mir eine neue Welt eröffnet, ich habe mich da reingestürzt“, sagt Müller. Eine Welt, in der sie sich mit dem Studium von Theaterpädagogik, durch Schauspielunterricht und mit dem Schreiben oder dem Adaptieren von Theaterstücken immer mehr zu Hause fühlte.

„Ich bin eine Frau von kurzen Stücken“, erklärt Müller. Eine Aufführung sollte nicht zu lang sein. Eineinhalb Stunden vielleicht, so wie die für Januar geplante Aufführung von „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff. Das sind mit Pause eine Stunde und 50 Minuten. Die Proben für das neue Stück laufen seit Februar dieses Jahres, Entstehung und Aufführung sind bezeichnend für die Arbeitsweise der Theaterpädagogin: „Ich komme zum Text über Musik und Bühnenbild.“ Nach dem mehrmaligen Lesen des Märchens sei der Text allmählich entstanden, in kurzen Szenen wird die Geschichte des armen Peter Munk erzählt, der sein Herz dem reichen Holländer Michel verkauft. „Die Thematik ist sehr aktuell “, fügt Müller hinzu, Gefühle hätten in der Welt des Geldes keinen Platz.

Wie bei den anderen Produktionen, ist auch „Das kalte Herz“ eine Gemeinschaftsarbeit und ein generationenübergreifendes Projekt. Die Musik hat Gerhard Möhringer-Gross geschrieben, Rolf Schilli dirigiert das Jugendsinfonieorchester, Tänzer und Tänzerinnen sowie Schauspieler im Alter von 13 bis 79 Jahren stehen im Januar auf der Bühne der Reithalle. Dazu gehöre die größere Gruppe der Mitarbeiter, die in der Kulisse agieren oder als Maskenbildner tätig sind. Eingebunden in das Projekt sind auch unbegleitete Flüchtlinge. „Das Stück ist lustig und gruselig zugleich.“

Und was sind ihre Pläne für die Zukunft? Im Juli nächsten Jahres soll unter dem Aspekt „Freiheit“ die „Story Offenburg“ erzählt werden. Wie kann Freisein ausgelebt werden, und was bedeutet Freiheit für einzelne Bürger, das gehört zum Themenspektrum des Projekts. „Das Ganze soll in einem verglasten Bauwagen stattfinden“, Zuschauer könnten frei kommen und gehen, und wer zuhören will, könne über Kopfhörer verbunden sein. Müller möchte auch Leute mit keinerlei Theaterfahrung einbinden: „Ich  arbeite gern mit unterschiedlichen Leuten.“ Sie stellt sich eine offene Bühne vor, wichtig sei es dann, dem Ganzen eine Form zu geben.

Auf längere Sicht wünscht sich Müller ein Sabbatjahr. Das möchte sie in eineinhalb Jahren einlegen. Zeit, sich zu besinnen, neue Kräfte zu sammeln. Und Zeit zu reisen. „Wenn ich arbeite, dann auf high speed.“ Deshalb sei es wichtig, mal abzuschalten. Ob der passionierten Theaterpädagogin ein ganzes Jahr Bühnenabstinenz gelingt, bleibt abzuwarten.

 

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